Spurensuche


News


Bücher


Hörbücher


Lyrische Karten
und Kunstfilme



Lese- und Hörproben
Lyrik
Prosa
Satire
Kinder



Projekte


Achtung
unzensiert!

 

   
Startseite Portrait Kontakt Leserstimmen Links Impressum & Datenschutz
   Lese- und Hörproben (Kinder) 
  




Der kleine Piekser  (aus: „
Der Albert“)
 

…Das Wartezimmer vom Doktor war ziemlich leer. Nur eine schlechtgelaunte Hauskatze und ein redseliger Papagei waren noch vor ihnen dran. „Was hat er denn?“, fragte Mama höflich den Herrn, der den Vogelkäfig auf dem Schoß hatte. „Önön Spröchföhlör“, entgegnete dieser ernst, „ör sötzt stöndög ön „ö“ ön, dömme Söche dös.“ Mama nickte verwundert. Dann legte der Papagei wieder los:
„Ös jö gör nöcht wöhr. Öch spröche pörfökt, mönö Dömö!“ Obwohl Alberts Pfote ziemlich schmerzte, musste er jetzt furchtbar lachen, was natürlich keiner entdeckte, weil er ja ein Hund ist. Nur der Papagei bemerkte empört: „Wös söll dörön wötzög sön?“
Die eingebildete rot-weiße Hauskatze in ihrem Transportkörbchen verzog unterdessen missbilligend das Gesicht und raunte etwas, was Albert allerdings nicht verstehen konnte, weil er kein kätzisch kann.

Zuerst kam die Katze dran, dann der Papagei. Helfen konnte ihm der Doktor wohl nicht, denn man hörte ihn beim Abschied noch krächzen: „Bös dömnöchst, Hörr Döktör!“ Oder war das sein Herrchen? Schwer zu sagen.
„So, jetzt ist der brave Albert an der Reihe!“, rief die Sprechstundenhilfe ins Wartezimmer, und der brave Albert schaute sich gründlich im leeren Wartezimmer um, ob er nicht doch noch einen anderen braven Albert entdeckte könnte, der statt seiner den „kleinen Piekser“ kriegen könnte. Aber da war nicht einmal mehr eine Tanzmaus, die ihre Tanzschritte vergessen hatte oder eine Fliege mit Summfehler.
„Ja Albert, dich habe ich aber schon lange nicht mehr gesehen.“, begrüßte ihn Dr. Ziegenbart: „Beim letzten Mal hattest du dir aufs Ohr getreten und dich überschlagen. Erinnerst du dich noch?“ Natürlich erinnerte sich Albert noch. Das war ja sooo peinlich gewesen. Musste der Doktor jetzt auch noch davon anfangen?!
Albert wurde vom Arzt auf die Untersuchungsliege gehoben. „Wenn er jetzt auch noch von meinem Übergewicht anfängt, gehe ich!“, dachte Albert, doch Dr. Ziegenbart betrachtete bereits schweigend die Wunde an der Pfote, zuerst mit bloßen Augen, dann mit einem Vergrößerungsglas. Albert hörte im Geist schon den altbekannten Satz „Das sieht aber gar nicht gut aus“ und malte sich die schlimmsten Behandlungen aus, aber Dr. Ziegenbart lächelte nur: „Ist ja halb so wild.“, nahm eine Pinzette und zog einen kleinen Dorn heraus. Das ging so schnell, dass Albert gar nichts spürte.
Noch ein bisschen Desinfektionsmittel drauf getupft, fertig. Wie, das war’ s schon? Albert konnte sein Glück kaum fassen und drehte sich schon einmal so, dass man ihn wieder von der Liege heben konnte. Da fiel dem Doktor noch etwas ein: „Ach ja, die Impfung. Albert, mach’ s dir noch mal kurz bequem. Jetzt kommt noch ein kleiner Piekser.“
Marlene kannte das schon mit dem kleinen Piekser. Sie hatte eine Woche zuvor auch eine Impfung vom Kinderarzt bekommen. Vorher hatte sie genau so dolle Angst, wie der Albert jetzt, aber hinterher hatte sie sich furchtbar geärgert, denn die blöde Angst war viel schlimmer gewesen als der winzig kleine Piekser, den man kaum merkt. Sie beugte sich zu Albert hinüber, hob sein großes Flatterohr an und flüsterte hinein: „Keine Bange, Albert, tut nicht weh. Und nachher kriegst du zu Hause bestimmt eine Scheibe Mettwurst.“ Mettwurst? Hmmm, Albert liebte Mettwurst. Ob er eventuell auch zwei Scheiben…?
„Fertig!“ Dr. Ziegenbart gab Albert einen kleinen Klapps auf den Po: „Du bist erlöst, mein Junge. Träumst du denn?“ Na so was, da hatte er den kleinen Piekser jetzt gar nicht mitgekriegt.

Vorsichtig wurde er zurück auf den Boden und seine vier Pfoten gestellt. Toll, das tat ja gar nicht mehr weh, wenn man drauf trat. Albert guckte verstohlen nach oben zu Mama. Die musste das aber nicht wissen, jedenfalls nicht gleich. Ein bisschen Übertreibung konnte schließlich nichts schaden, wenn man als Patient ordentlich umsorgt werden wollte.
So humpelte Albert also mit wehleidigem Winseln in angemessenem Abstand hinter Mama und Marlene her ins Auto und später zu Hause zum Lieblingssessel. Die Beiden zwinkerten sich nur grinsend zu, denn sie kannten ja ihren Albert. Und zum Trost für diese „gefährliche, schwere Arztbehandlung“ gab es zwei Scheiben Mettwurst und viele Streicheleinheiten.
Sogar Papa musste heute Rücksicht auf ihn nehmen. Als er abends nach Hause kam und ihn wie immer vom Sessel scheuchen wollte, der angeblich Papa gehörte, rief Mama: „Unser Albert hat heute eine gaaanz schlimme Behandlung beim Arzt über sich ergehen lassen. Ich glaube, er braucht heute dringend den Sessel, damit er sich bald wieder erholt.“ Und Papa nahm lächelnd die Zeitung und setzte sich aufs Sofa zur Mama.

 

 

 




Wortquelle Verlag




Wortquelle-Hörbücher
sind mehr als nur
Literatur fürs Ohr.

Der Wortquelle Verlag
stellt sich vor.
mehr...

Zum Seitenanfang     

Startseite Portrait Kontakt Leserstimmen Links Impressum & Datenschutz

© 2006-2018 Leilah Lilienruh